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Swiss SailplaneFly Beyond
Tragfläche über dem Mittelmeer, Sonnenlicht glitzert auf dem offenen Meer zwischen Frankreich und Korsika

24. März 2024 · Yves Gerster

Übers Mittelmeer und zurück

Mit dem Mistral im Rücken von Saint-Auban übers offene Meer nach Korsika, weiter nach Italien — und am Abend zurück am Startplatz: 1'328 km im Dreieck, ohne Motorhilfe.

1 328 km
Strecke
120 km/h
Schnitt
11 h 19 min
Flugzeit
JS1C 21 m
Flugzeug

1974 liess sich der Franzose Jean Vuillemot vom Mistral über das Mittelmeer tragen und landete als erster Segelflieger Kontinentaleuropas auf Korsika. Ein halbes Jahrhundert später wollte ich wissen, ob sich dieser Traum weiterdenken lässt: nicht nur zur Insel fliegen, sondern übers Meer nach Italien weiterziehen und am Abend wieder am Startplatz stehen.

Am 24. März 2024 ist es so weit. Von Saint-Auban in Südfrankreich aus gelingt das Dreieck über Korsika und den Apennin — 1'328 km in gut elf Stunden, ohne Motorhilfe, zurück zum Ausgangspunkt.

Ein Tag Vorbereitung für elf Stunden Flug

Dass die Wetterlage passen würde, stand erst am Vortag fest. Ein kräftiger Mistral, der nach Süden auf West dreht, ist die Voraussetzung: Er erzeugt die Leewellen über den südfranzösischen Alpen und über Korsika. Für die zweite Streckenhälfte braucht es Thermik oder Konvergenz über dem Apennin — und der ganze Tag muss fliegbar sein.

Während meine Kameraden den Tag in den Alpen genossen, sass ich über der Planung. NOTAMs, Flugplan, Funkfrequenzen, Mindesthöhen für jeden Abschnitt, dokumentierte Landefelder bis hin zu Stränden: Jede Frage, die ich mir im Flug stellen könnte, wollte ich vorher beantwortet haben. Ein Task-File mit Dutzenden Wendepunkten markierte die vorhergesagten Wellengebiete — so wusste ich auch ohne Handyempfang, wo es trägt. Und wo Vuillemot seinerzeit ein Rettungsboot mitnahm, lag bei mir immerhin eine Schwimmweste im Cockpit.

Sonnenaufgang über einem dunklen Bergrücken, gesehen über die Tragfläche beim Wellenaufstieg in der Dämmerung
05:27 UTC — Einstieg in die Welle am Lure, kurz nach dem Start in Saint-Auban. In wenigen Minuten geht es auf rund 6'000 Meter.

Mit dem Mistral übers Meer

Wellenflüge sind nichts für Langschläfer. Um 05:20 UTC steige ich querab des Startplatzes in die Welle am Lure ein und bin knapp eine Stunde später an der Küste. Ein letztes Foto vom Festland, dann liegt nur noch Wasser voraus.

Die Küste der Côte d'Azur tief unter der Tragfläche beim Verlassen des Festlands
Abschied vom Festland: die Côte d'Azur tief unter der Fläche, voraus 180 km offenes Meer.

So paradox es klingt: Die lange Querung ist der entspannteste Teil des Fluges. Geradeausfliegen mit Rückenwind — und ohne Handyempfang. Digital Detox auf 5'000 Metern. Die einzige Schwierigkeit ist der starke Wind, der einen ungewohnt grossen Vorhaltewinkel verlangt. Korsika zeichnet sich erst spät deutlich am Horizont ab; in komfortablen 3'000 Metern erreiche ich die Insel und sortiere mich querab von Corte ins Wellensystem ein.

Korsikas gebirgige Westküste aus grosser Höhe, gesehen über die Flügelspitze
Korsikas Westküste aus grosser Höhe. Das Wellensystem der Insel trägt bis in ihren Süden.

Durch kontrollierten Luftraum

Die Route bleibt bewusst im Luftraum von Marseille: Ein einsamer Segelflieger, der nicht einmal die Anweisung «maintain altitude» befolgen kann, ist für Lotsen kein Alltag. Umso wichtiger sind saubere Vorbereitung und rigorose Funkdisziplin — ich melde wie ein IFR-Flieger, wann ich wo sein werde. Zu einem denkwürdigen Dialog kommt es trotzdem, als mich ein italienischer Lotse bittet, die Höhe zu halten:

«This is a very unusual flight for us.» — «I understand. It's a very unusual flight for me, too.»
Die korsische Küste und das offene Meer vor dem Cockpit, auf Kurs Richtung Italien
Nach der Wende im Süden Korsikas: Kurs Italien, die zweite Meerquerung beginnt.

Apennin, Po-Ebene, Genua

Der zweite Schenkel übers Meer ist kürzer, aber anspruchsvoller — diesmal ohne Rückenwind. Um 10:30 UTC erreiche ich die Berge querab von Pavullo und drehe zum ersten Mal seit dem Start Kreise. Dem Apennin entlang nach Norden bereitet eine ausgeprägte Konvergenzlinie den Weg: Berge, Meer und strahlend blauer Himmel.

Der schwierigste Teil liegt da noch voraus. Die Po-Ebene und der Raum Genua gelten als heikel und werden von lokalen Piloten gemieden. Doch immer wieder bilden sich Wolkenfetzen, denen ich einfach folge — sie ermöglichen auch den sonst komplizierten Einstieg von Osten in die Alpen.

Verschneite Südalpen unter der Tragfläche auf dem Heimweg nach Saint-Auban
Zurück über den Südalpen: Der spannende Teil übers Meer ist geschafft, der letzte Schenkel führt im Hangaufwind Richtung Mont Ventoux.

Im Hangaufwind nach Hause

Der letzte Wendepunkt liegt am Mont Ventoux — gewählt, weil sich so ein grosser Teil der Strecke im Hangaufwind fliegen lässt. Um 16:15 Uhr bin ich zurück am Lure, wo am Morgen alles begann, kurz darauf rollt die JS1 in Saint-Auban aus. Meine Kameraden sind noch lange in der Luft. Es war ein verdammt guter Tag: Realistisch wären noch 200 km mehr möglich gewesen — aber so reichte es noch am selben Abend für die Heimreise nach Bern.

Routenkarte des Dreiecksflugs von Saint-Auban über Korsika und Italien und zurück
Die Route am 24. März 2024: von Saint-Auban in den Süden Korsikas, über den Apennin durch Norditalien und zurück — 1'328 km als Dreieck.

Die Geschichte dieses Fluges erzählte Katharina Diehn ausführlich im aerokurier 9/2024 («Reif für die Insel»). Der Originalartikel ist unten verlinkt.