
11. Juni 2021 · Yves Gerster
Ein Segelflugzeug, ein Strand und 720 Kilometer
Eine Europakarte überm Schreibtisch, eine spontane Airbnb-Buchung — und am nächsten Abend Flipflops am Strand der Île-d'Yeu im Atlantik. Ein Wandersegelflug der etwas anderen Art.
- 762 km
- Strecke
- 8 h 32 min
- Flugzeit
- Courtelary → Île-d'Yeu
- Route
- DG-400 17 m
- Flugzeug
Selten war ich nach einem Flug so glücklich wie an diesem Freitagabend: Ich sitze am Strand der Île-d'Yeu im Atlantik, 720 km Luftlinie von meinem Startplatz entfernt — und das Segelflugzeug steht festgezurrt am kleinen Flugplatz der Insel.
Der Blick aus dem Homeoffice
Die Geschichte beginnt am Vorabend. Den ganzen Tag sass ich im Homeoffice, draussen stehen wunderschöne Quellwolken in der Abendsonne. Mein Blick wandert zur Europakarte, die — zugegeben etwas ablenkend — über dem Bildschirm hängt. Unbewusst ist die Entscheidung längst gefallen: Ich muss irgendwohin fliegen. Der Bildschirm füllt sich mit Wettermodellen. Der Freitag sieht grossflächig gut aus, der Samstag taugt für den Rückweg. Es wird ein Wandersegelflug — und natürlich muss das Ziel ein Ort sein, an dem man baden kann.
Eine Insel im Atlantik
In Google Maps suche ich die französische Westküste nach Flugplätzen ab. Aus reiner Neugier zoome ich an eine kleine Insel heran: Île-d'Yeu, 20 km vor der Küste, mit eigenem Flugplatz. Ich spüre sofort: Da will ich hin. Einzige Einschränkung laut Eintrag: «French only» am Funk. Kann ich zum Glück.
Um 20 Uhr suche ich eine Unterkunft. Die Hotels sind voll, aber über Airbnb finde ich ein hübsches Zimmer. Ich kann es kaum glauben: Ich habe gerade 60 Euro für ein Zimmer auf einer Insel bezahlt, die 720 km von Courtelary entfernt liegt. Anflugkarten heraussuchen, Flugplan aufgeben — es kann losgehen.
Sauerstoff raus, Flipflops rein
Freitagmorgen, kurz vor acht, baue ich die DG-400 auf — den treuen Begleiter vieler verrückter Projekte, der neben der JS1 zuletzt etwas zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Die Packliste ist schnell erledigt: Sauerstoff raus, Flipflops und Badehose rein. Auf der Insel gibt es keinen Treibstoff, also lasse ich mich schleppen, um mit vollem Tank zu landen — die Reserve für den Rückweg.

Der Jura läuft wie erwartet gut. Nach einer Stunde muss ich mich von den schönen Wolken trennen und in die tote Luft über der Saône-Ebene hinausgleiten. Nach 50 km «Todesgleiten» findet sich auf 340 Metern über Grund wieder schwaches Steigen — es geht weiter.
Die Kontrollerin von Saint-Yan
Aus Fetzen werden Cumuli, aus Cumuli grosse Wolken, die teils bereits ausregnen. Während ich das Steigen neben dem Regen suche, verhandle ich mit der Kontrollerin von Saint-Yan: Die Freigabe durch ihre TMA will sie mir nicht geben, ein Umweg würde über 100 km kosten. Also kündige ich an, unter dem Luftraum zu bleiben — unter 600 Metern über Grund. Ob das mit einem Segelflugzeug überhaupt möglich sei? «Eher unangenehm, aber meine einzige Option.» Nach einer kurzen Schweigeminute kommt die Freigabe durch die TMA.
Von da an läuft es. Das Wetter ist homogen, die Flugsicherung denkt mit und informiert proaktiv über Lufträume auf dem Weg. Einmal muss ich ausweichen — zehn Kilometer Umweg sind verkraftbar.
Das Meer
Nach ein paar Stunden, unter dem Luftraum von Nantes, wird es noch einmal spannend: nur noch wenige Wolken, aber sie stehen genau dort, wo ich sie brauche. Kurz vor 18 Uhr steige ich von 500 Metern ein letztes Mal — und sehe zum ersten Mal das Meer. Die letzte Wolke liefert wie bestellt 1,5 m/s, und der Kontroller in Nantes erlaubt mir netterweise, bis an die Basis auf 1'700 Meter zu steigen.
Zeit zu rechnen: 55 km zum Flugplatz, 25 km zur Küste, benötigte Gleitzahl knapp 30. Das muss funktionieren. Als ich die Küste erreiche, sind es noch 28.

Der Gleitflug über den Atlantik ist überwältigend. Das Meer ist tiefblau, unter beiden Flügeln Wasser, so weit das Auge reicht. Für das korrekte Anflugverfahren fliege ich im Norden der Insel an der Küste entlang; der Kontroller meldet mich als Nummer drei zur Landung. Zum Glück reicht die Höhe, um mich hinter der Mooney einzureihen, die eine riesige Platzrunde fliegt. Der Endanflug über den Strand ist schlicht spektakulär.

Insel-Modus
Nach der Landung wird das Flugzeug verzurrt, dann werden die Flipflops montiert. Mit einem Mietvelo erreiche ich die Unterkunft, fünf Kilometer ausserhalb von Port-Joinville. Es bleibt genug Tageslicht für eine ausgedehnte Runde Schwimmen, Strand — und danach ein feines Abendessen am Hafen. Ich schwebe den ganzen Abend auf Wolke sieben und kann bis zum Einschlafen kaum fassen, auf dieser Trauminsel gelandet zu sein.


Die Überraschung beim Rückflug
Am Samstag hat die DG-400 noch eine Überraschung bereit: In rund 500 Metern stellt der Motor ab. Anlassversuche mit Starter und Windmilling bleiben erfolglos, und eine Viertelstunde nach dem Start sitze ich wieder auf der Insel. Eher unangenehm. Ein paar nette Piloten am Boden helfen bei der Diagnose — die Generator-Sicherung ist defekt — und 45 Minuten später klappt der nächste Start. Diesmal trägt der Motor bis unter die Thermik über dem Festland.

Auf die technischen Probleme hätte ich gerne verzichtet. Aber ich bin überglücklich, dieses Abenteuer erlebt zu haben — und freue mich schon jetzt auf die nächsten verrückten Flüge.
Dieser Bericht erschien zuerst im Magazin «segelfliegen» (1/2022) unter dem Titel «Reif für die Insel» — das Original ist unten verlinkt.
