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Swiss SailplaneFly Beyond
Tragfläche über dem offenen Wasser des Ärmelkanals

27. April 2022 · Yves Gerster

An einem Tag von der Schweiz nach England

Den perfekten Tag abwarten, dann los: von Courtelary durch ganz Frankreich, über den Ärmelkanal und am frühen Abend nach Lasham — gut neun Stunden nach dem Start.

≈ 740 km
Strecke
9 h 09 min
Flugzeit
Courtelary → Lasham
Route
JS1C 21 m
Flugzeug

Seit ich Segelfliegen gelernt habe, faszinieren mich Flüge in unbekanntes Terrain. Vor einigen Jahren zog ich einen Kreis um die Schweiz, um zu sehen, was an einem einzigen Tag erreichbar wäre — und stellte fest: England ist gar nicht so weit weg. Aus der Idee, den Ärmelkanal mit Motorhilfe zu queren, wurde bald ein grösserer Plan: am perfekten Tag so weit wie möglich ohne Motor.

Das Wetterfenster

Aude Untersee, Segelfliegerin und Meteorologin beim nationalen Wetterdienst, analysierte für das Projekt Wetterdaten und Satellitenbilder aus zwanzig Jahren. An einem Sonntagabend kam ihre Nachricht: Mittwoch sieht gut aus. Am Dienstag stufte sie die Chancen auf 60 Prozent ein. Lieber hätte ich 70 gehört — aber solche Flüge brauchen oft mehrere Anläufe, also los.

Die kritische Stelle: An der französischen Küste bei Calais enden die Thermikbedingungen früh. Vor 16 Uhr musste ich dort sein, hoch genug für einen Querungsversuch.

Cockpitblick über eine geschlossene Nebeldecke an der Schweizer Grenze am frühen Morgen
07:41 — Nebel über der Nordschweiz. Ein hoher Schleppstart aus Courtelary verhindert, dass das Rennen zur Küste schon in den ersten 30 Minuten verloren geht.

Durch Frankreich

Am Mittwochmorgen, dem 27. April 2022, liegt dichter Nebel an der Nordgrenze der Schweiz. Ich lasse mich hoch schleppen, klinke an der Grenze aus und beginne einen langen Gleitflug nach Frankreich — pünktlich zum vorhergesagten Thermikbeginn um 10:30 Uhr entstehen die ersten Quellwolken.

Die Thermik bleibt schwächer als erwartet. Zweimal muss ich ein Steigen verlassen, weil ich mit einem Windrad auf Kollisionskurs liege, das meine Kreisrichtung nicht respektiert — zugegeben: Es war zuerst da. Dazu ist das französische Militär aktiv; mehrfach heisst es «hold position», während Kampfjets in der Nähe vorbeiziehen.

Gelbe Rapsfelder und Windräder in Nordfrankreich aus dem Segelflugzeug
Rapsfelder und Windräder in Nordfrankreich. Schwache Thermik, aber die JS1 macht aus jedem Meter Höhe Strecke.

Die Entscheidung

Um 15 Uhr erreicht mich Audes Nachricht: England komplett bedeckt, die Basis an der Küste viel tiefer als prognostiziert. Abbrechen und vor Sonnenuntergang zurück in die Schweiz — oder weiterfliegen, im Wissen, dass die Querung ohne Motor heute nicht möglich ist? Nach ein paar Minuten Unsicherheit entscheide ich mich für die verbleibenden 150 km an die Küste: das Gelände anschauen, für den nächsten Versuch lernen.

Die französische Küste bei Calais mit dem Ärmelkanal und England voraus
13:48 — die Küste bei Calais. Mein Rechner sagt eine Ankunftshöhe von 50 Metern über England voraus. Zu wenig.

Über den Kanal

An der Küste tragen ein paar tiefe Bärte ein letztes Mal. Der Endanflugrechner verspricht England in 50 Metern über Grund — bei östlichem Wind mag es an den Kreidefelsen bei Dover Hangwind geben, aber wenn nicht, bleibt kaum Höhe, das Triebwerk zu starten. Da ich mit dem geplatzten Plan bereits Frieden geschlossen habe, starte ich den Jet über dem Kanal, solange eine sichere Rückkehr nach Frankreich noch möglich ist. Noch über dem Wasser stelle ich ihn wieder ab und gleite hinter Dover ein.

Grüne englische Landschaft unter dem Segelflugzeug nach der Kanalquerung
14:14 — England. Ungewohnte Landschaft, Linkskreise wie es sich hier gehört, und Sightseeing Richtung Westen.

Bis Brighton reicht die Abendsonne. Dann wird der Himmel dunkel und komplett bedeckt — aber ein Höhenzug mit guter Windanströmung zeigt in die richtige Richtung. Der Hang trägt mich fast bis Lasham. Als die Karte zeigt, dass die letzten Meilen nicht reichen, suche ich bereits Felder für einen Triebwerkstart — und stolpere in ein Steigen, das mich vom Hang an die tiefe Basis hebt. Ein zweiter Bart, dessen Herkunft ich bis heute nicht erklären kann, gibt den sicheren Endanflug nach Lasham frei.

Endanflug auf das Flugfeld Lasham mit der langen Piste voraus
15:41 — Endanflug auf Lasham. Die geparkten Airliner neben der riesigen Piste sorgen kurz für Verwirrung: Hat das GPS Lasham mit Gatwick verwechselt?

Ankunft

Kaum auf der Lasham-Frequenz, werde ich aufgerufen und bekomme Landeanweisungen — man hat mich auf dem Glidertracker längst kommen sehen. Der Empfang ist herzlich: ein freies Bett, Hilfe bei allem, am nächsten Tag ein langer Flugzeugschlepp für den Heimweg. Vermutlich war es der erste Segelflug von ausserhalb der EU quer über die EU mit Landung in einem weiteren Nicht-EU-Staat.

Der Rückflug am Donnerstag führt bei schwachem, blauem Wetter zurück durch Frankreich. Als die Thermik abends endet, fehlen noch 150 km — der Jet klettert, bis der Tank leer ist, und am Ende lande ich 9 km vor dem Heimatflugplatz, immerhin in der Schweiz.

Routenkarte des Flugs von Courtelary über Frankreich und den Ärmelkanal nach Lasham
Die Route am 27. April 2022: Courtelary — Calais — Dover — Lasham, gut 740 km. Die gestrichelte Linie markiert die Kanalquerung mit Triebwerk.
Eines Tages, vielleicht, gelingt diese Strecke ganz ohne Motor.

Dieser Bericht erschien zuerst auf Englisch in Sailplane & Gliding (Aug/Sept 2022) unter dem Titel «Picking the Perfect Day» — das Original ist unten verlinkt.